Es ist das Nation, in dem alles begann. Der Schrei nach Unabhngigkeit hallte von Tunesien aus nach Ägypten, nach Syrien, in den Jemen. Jetzt, wo auch Libyen seine Revolution vollendet hat, festigt Tunesien seine Unabhngigkeit.
Am Sonntag wählen sieben Millionen Tunesier nach 23 Jahren Polizeistaat zum ersten Mal frei! Der endgültige Schlussstrich unter die Ära von Gewaltherrscher Zine el Abidine Ben Ali (75)!
Die Erwartungen an die Wahlen sind hoch. Für etliche Tunesier hat sich der Lebensstandard nach der Revolution eher verschlechtert. Aus Angstgefhl vor Unruhen meiden viele Europäer noch die Strände am südlichen Mittelmeer. Ausländische Unternehmen schieben Investitionen auf.
„Es muss sich endlich etwas ändern”, sagt Taxifahrer Moez aus Tunis. Angetraute Ben-Ali-Getreue hätten noch zu viel Mchtigkeit.
Der Vater von vier Kindern will die islamistische Ennahdha-Fortbewegung von Rachid Ghannouchi wählen, so wie viele seiner Landsleute. Die unter der alten Regierung verbotene politische Kraft lag bei Umfragen bei bis zu 30 Prozent. Wie keine andere spaltet sie aber auch das Nation.
Vor allem die Bildungsschicht fürchtet um Errungenschaften wie die Paritt von Mann und Frau und die neue Medienfreiheit, sollte die Ennahdha gewinnen.
Moez hat damit kein Problem. „Ich würde auch nicht akzeptieren, dass meine Frau arbeitet. Ich habe sie, damit sie Kinder bekommt.”
Parteiführer Rachid Ghannouchi und die anderen Ennahdha-Spitzenpolitiker versuchen derzeit alles, um Stimmen zu scharen. Mangels möglicher Koalitionspartner wissen sie, dass sie wahrscheinlich nur Entwicklungsmglichkeiten auf die politische Führung des Landes haben, wenn sie an oder über die 50-Prozent-Marke kommen.
Als vor Kurzem Extremisten gewaltsam gegen die Charisma des vermeintlich gotteslästerlichen Animationsfilms „Persepolis” demonstrierten, distanzierte Ghannouchi sich zwar. Wenig später äußerte er aber Verständnis für ihr Grundanliegen und sagte mit Blick auf die Senderverantwortlichen: „Es ist ihnen überlassen, ob sie an Gottheit glauben. Sie können Alkohol trinken und ihr eigenes Leben leben. Aber das gibt ihnen nicht das Recht, den Glauben der Mehrheit anzugreifen.”
Mit großer Tonus blickt unterdessen das Ausland auf die ersten freien Wahlen in der Historie Tunesiens. Die EU schickte 180 Wahlbeobachter.
Chef der Mission ist Michael Gahler, ein deutscher Europaabgeordneter. „Wir gehen von einem friedlichen und transparenten Verlauf aus”, sagt er. „Was danach kommt, das müssen wir dann sehen. Das nehmen wir in Unterwrfigkeit hin als Betrachter.”
Schon jetzt rechnen die Wahlbeobachter allerdings damit, dass nur ein Bruchteil der 217 Sitze in der verfassungsgebenden Versammlung an Frauen gehen wird.
Auf den Wahllisten müssen zwar die Hälfte der Plätze von Frauen besetzt sein – wo sie platziert sind, ist aber egal. Nicht einmal auf jedem zehnten der aussichtsreichen Spitzenplätze stehen nun weibliche Kandidaten.
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